Weshalb ich nicht auf SM-Cruising stehe

oder SM ohne Vertrauen


Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert, ob ich mich auch für die schnelle, anonyme, kurze, einmalige SM-Nummer begeistern kann. Auf diese Frage, antworte ich eigentlich immer mit Nein, denn für mich ist das schnelle, kurze mit einer unbekannten Person nicht die Form, wie ich SM ausleben will und kann. Normaler Sex ist sicherlich so praktizierbar, aber SM, der wirklich geil ist, in meinen Augen nicht.

Damit ich jemanden wirklich dominieren kann, mit ihm im Grenzbereich spielen kann, muss ich jemanden gut kennen. Die ersten Sessions oder bei Langzeitdiensten die ersten Tage sind für mich fast mehr Arbeit als Vergnügen. Aus anderen Texten wisst ihr, dass ich meiner Verantwortung sehr bewusst bin und dass mich diese ja auch reizt. Um dieser gerecht zu werden, muss ich in der ersten Zeit zuerst den Slave gut kennen lernen. Ich sage oft, ich muss ihn lesen lernen. Ich muss in langsamen, sich steigernden Schritten lernen, wie der Slave reagiert, wenn ihm was gefällt oder ihm etwas missfällt. Dabei beziehe ich mich nicht auf die verbalen Reaktionen, sondern auf die physischen Anzeichen, die mir zeigen, wie es dem Sklaven geht. Wie reagiert seine Muskulatur, seine Atmung, sein Puls, etc. Diese Phase ist wichtig, wenn man später intensiv mit dem Grenzbereich spielen will. Ein bewegungsunfähig gefesselter und geknebelter Sklave wird in dieser Situation keine andere Möglichkeit der Kommunikation mit seinem Master haben. In diesen Momenten tut er dies nur mit den Feinheiten seines Körpers.

In meinen Augen ist gerade das Spiel im und mit dem Grenzbereich das spannendste im SM. Die wirklich geilen Momente, die prägenden Erlebnisse finden in diesem Bereich statt. Dabei ist es wie bei einem Marathonläufer, der irgendwann auf seinen 42 Kilometern an den Punkt kommt, bei dem er vor Erschöpfung das Gefühl hat, er könne nicht mehr. Wenn er dann den inneren Schweinehund überwindet, kann er nochmals ungeahnte Kräfte mobilisieren, bis er wirklich an seinen Grenzen ist. So ähnlich verhält es sich mit dem Empfinden der Grenzen beim Devoten.

Irgendwann hat der Slave das Gefühl, dass er nicht mehr kann. In der Anfangsphase, bei Slaves die man nicht gut kennt, wird man dann auch nicht weitergehen. Somit dominiert eigentlich der Sklave die Situation. Das kann bis zu diesem Punkt geil sein, doch fehlt da nicht noch was? Erst wenn man jemanden so gut kennt, dass man weiss, wie weit man nach den ersten “Ich-kann-nicht-mehr-Anzeichen” gehen kann ohne die wirklichen Grenzen zu überschreiten, dann wird es wirklich sehr spannend. Es sind dies die Momente, in denen sich der Slave dann voll ausgeliefert fühlt. Dies ist die Situation, in der er merkt, dass er nichts zu melden hat, dass sein Wort nicht zählt. Die Machtlosigkeit, das Elend, das gefordert werden ist dann am intensivsten zu empfinden und für mich als Master dann der Zeitpunkt, an dem ich wirklich die Geilheit der Domination in mir spüre.

Voraussetzung, dass sich ein Sklave in dieser Form einem Master hingibt, ist sicherlich das Vertrauen. Er muss die innere Sicherheit haben, dass sein Master weiss, wie weit er gehen kann ohne dass er den Sklaven wirklich überfordert, er will innerlich wissen, dass sein Master ihm nichts zumutet, dass ihm schadet oder ihn wirklich physisch oder psychisch verletzt. Dieses Vertrauen, diese Sicherheit, dieses Wissen bedarf Zeit, Sympathie und guter gegenseitiger Kenntnisse. Dann kann man aber sehr weit gehen, sehr viel Spass miteinander haben und gemeinsam bisher unbekannte Sphären der Geilheit erreichen.

Jetzt frag ich euch, ist dieses Vertrauen, diese Sicherheit und dieses Wissen bei der schnellen anonymen Nummer gegeben? Meines Erachtens nicht. Wie kann ich mit den Grenzen spielen, wenn ich nicht weiss wo diese liegen? Grenzen sind im Gegensatz zu den Tabus Gefühlsempfindungen, und die lassen sich bekannterweise im Vorfeld nicht wirklich deutlich beschreiben. Das Abtasten eines Bodys mit meinen Fingerspitzen im Darkroom genügt mir nicht, um Vertrauen aufzubauen und um mein Gegenüber mit seinen Vorlieben zu erfassen. Auch ein Kurzchat ist dafür sicherlich zu wenig. Der oft in Chatrooms von Menschen geforderte Sex ohne langes Blabla im Vorfeld ist sicher im Blümchensexbereich, auch im wilderen, möglich, nicht aber im weitergehenden richtigen SM.

Wichtige Komponenten der Gefühlswelt des SM, welche der Sklave sucht, sind das Dienen, das sich Hingeben, die Wehrlosigkeit und das ausgeliefert sein. Die Zeit ist besonders bei der letztgenannten Empfindung ein wichtiger Faktor. In kurzen Sessions spielt die Zeit für den Sklaven, d.h. er kann sich gedanklich bei dem zu erleidenden immer an die bald bevorstehende Erlösung klammern. Erst wenn der Sklave längere Zeit dient, die Zeit also nicht für sondern gegen ihn spielt, dann fühlt er sich ausgeliefert, dann fühlt er seine Machtlosigkeit und versinkt in der Wenigkeit seiner Existenz.

Genügt einem der Schmalspur-SM oder ist man als Maso so eingestellt, dass einem wirklich egal ist, was mit einem geschieht, wie man nach der Session aussieht oder wie um seine Gesundheit nach der Session steht, so ist der Cruising-SM sicherlich passend. Ich selbst lebe da aber grossmehrheitlich nach der Devise: “Weshalb soll ich mich mit einem Teil zufrieden geben, wenn ich das Ganze haben kann?” Der Cruising-SM gibt mir geilheitsmässig zu wenig und auf der Gefühlsseite absolut nichts. Dies ist der Grund, weshalb ich diesen eigentlich ablehne. Ich schreibe absichtlich “eigentlich”, weil ich in gewissen Momenten auch Sklave meiner Triebe war und dies wohl auch zukünftig gelegentlich wieder geschehen kann. Jedoch bleibt unter dem Strich in dieser Frage festzuhalten, dass ich nach den bisherigen Cruising-Erlebnissen war meist abgespritzt hatte, aber ich fühlte mich alles andere als wirklich befriedigt.

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